Manche Dinge verlieren ihre Richtigkeit nicht damit, oft und aus vielen Mündern wiederholt zu werden. Und sei es aus Kehlen hunderter schwarz gekleideter Fußballautonomer auf den Tribünen, die einst Kurven waren und davor sogar Fankurven. Halten wir also ohne Angst vor sinnentleerten Platitüden fest: Der moderne Fußball schmeckt nach Plastik. Was früher das herbe Gemisch einer verkohlten Bratwurst mit Schweiß und Bier ist heute die immergleiche Fleischsocke mit eiskalt aus kilometerlangen Leitungen gezapftem Bierimitat – wo man früher im Regen den Nebenmann, das Gras und feuchtes Leder riechen konnte, fällt heute kein Tropfen ins weite Rund. Die Perfektion der Konformität ist damit erreicht, dass die künstlich befruchteten Fußballtempel des Landes nicht nur gleich aussehen, sich gleich anfühlen, sondern sogar gleich riechen.
Das kann man in pathetischen Worten beweinen und sich Zeiten erinnern, die man selbst zu erleben gar nicht das Glück hatte. Siehe oben. Oder man verdrängt es, schiebt es von sich wie den lästigen Verteidiger vor der Bogenlampe einer hereintrudelnden Ecke. Zuckt mit den Schultern. Ergibt sich nicht den Reflexen der Altvorderen, die das kollektive Gedächtnis als das eigene ausgeben. Siehe wiederum oben.
Wenn sich allerdings dieser alte Fußball noch einmal zeigt, den wir alle betrauern und vergolden, wenn er hervorlugt im Lärm und Blitzlicht der Moderne und einen unperfekten Zipfel von sich zeigt, dann schuldet es der trauernde Fußballkulturelle seinem eigenen Pathos, sich daran zu erfreuen. Ohne weitere Akademikertränen zu vergießen.
Wer sie also hin und wieder noch ausmachen kann, in den grau verhangenen Silhouetten der Metropolen, im Dunst der Dörfer oder im Vorbeifliegen der Ebene, der soll sich an den leuchtenden Nadeln im Himmel erfreuen. Ohne zurück zu schauen. Wo es sie noch gibt, die Leuchttürme des Fußballs, da soll man sie genießen. Die Augen schließen und das gleißende Gegenlicht genießen wie ein Sonnenbad der Erinnerungen. Wer dann in keinem seiner Beine ein Zucken, ein Kribbeln, eine Forderung verspürt. Wen es nicht sehnt nach taubehangenem Grün, nach dem dumpfen Ploppgeräusch eines Befreiungsschlags, nach der unkontrollierten Bogenlampenflanke, dem Zwei gegen Vier, dem satten Knacken des winterharten Aluminiums beim Weitschuss. Kurz: Wer sieht, aber nicht fühlt. Der darf auch nicht trauern um eine Zeit, der er selbst entwachsen ist.
Das Pathos hat eine eigene Verantwortung.

