Fußballleuchttürme

•Mai 9, 2011 • Hinterlasse einen Kommentar

Manche Dinge verlieren ihre Richtigkeit nicht damit, oft und aus vielen Mündern wiederholt zu werden. Und sei es aus Kehlen hunderter schwarz gekleideter Fußballautonomer auf den Tribünen, die einst Kurven waren und davor sogar Fankurven. Halten wir also ohne Angst vor sinnentleerten Platitüden fest: Der moderne Fußball schmeckt nach Plastik. Was früher das herbe Gemisch einer verkohlten Bratwurst mit Schweiß und Bier ist heute die immergleiche Fleischsocke mit eiskalt aus kilometerlangen Leitungen gezapftem Bierimitat – wo man früher im Regen den Nebenmann, das Gras und feuchtes Leder riechen konnte, fällt heute kein Tropfen ins weite Rund. Die Perfektion der Konformität ist damit erreicht, dass die künstlich befruchteten Fußballtempel des Landes nicht nur gleich aussehen, sich gleich anfühlen, sondern sogar gleich riechen.

Das kann man in pathetischen Worten beweinen und sich Zeiten erinnern, die man selbst zu erleben gar nicht das Glück hatte. Siehe oben. Oder man verdrängt es, schiebt es von sich wie den lästigen Verteidiger vor der Bogenlampe einer hereintrudelnden Ecke. Zuckt mit den Schultern. Ergibt sich nicht den Reflexen der Altvorderen, die das kollektive Gedächtnis als das eigene ausgeben. Siehe wiederum oben.

Wenn sich allerdings dieser alte Fußball noch einmal zeigt, den wir alle betrauern und vergolden, wenn er hervorlugt im Lärm und Blitzlicht der Moderne und einen unperfekten Zipfel von sich zeigt, dann schuldet es der trauernde Fußballkulturelle seinem eigenen Pathos, sich daran zu erfreuen. Ohne weitere Akademikertränen zu vergießen.

Wer sie also hin und wieder noch ausmachen kann, in den grau verhangenen Silhouetten der Metropolen, im Dunst der Dörfer oder im Vorbeifliegen der Ebene, der soll sich an den leuchtenden Nadeln im Himmel erfreuen. Ohne zurück zu schauen. Wo es sie noch gibt, die Leuchttürme des Fußballs, da soll man sie genießen. Die Augen schließen und das gleißende Gegenlicht genießen wie ein Sonnenbad der Erinnerungen. Wer dann in keinem seiner Beine ein Zucken, ein Kribbeln, eine Forderung verspürt. Wen es nicht sehnt nach taubehangenem Grün, nach dem dumpfen Ploppgeräusch eines Befreiungsschlags, nach der unkontrollierten Bogenlampenflanke, dem Zwei gegen Vier, dem satten Knacken des winterharten Aluminiums beim Weitschuss. Kurz: Wer sieht, aber nicht fühlt. Der darf auch nicht trauern um eine Zeit, der er selbst entwachsen ist.

Das Pathos hat eine eigene Verantwortung.

Lockenwurst

•November 25, 2009 • 2 Kommentare

Wir werden an der Spitze stehen, auf Jahre uneinholbar. Wir werden die andren weit hinter uns lassen, [...] ab dem zweiten Platz beginnt das Mittelfeld, mit Werder, Bayern, Köln. Schatz macht den Unterschied! Nicht Allofs oder Rummenigge oder Völler! Völler! In 25 Jahren redet doch kein Mensch mehr über Völler, diese Wurst mit Haaren, aber Schatz, Schatz wird dann ne Legende sein.

So spricht Bernhard „Hard“ Löning in einer Kurzgeschichte von Jan Brandt aus der empfehlenswerten Anthologie „Titelkampf. Fußballgeschichten der deutschen Nationalmannschaft“. „Hard“ ist übrigens eine sprechende Abkürzung, denn der Vater der Hauptperson steht für Disziplin in Beruf und Privatem. Was heißt: Dort zählt der wirtschaftliche Erfolg, hier zählen Ordnung und gewalttätige Bestrafung.

An dieser Stelle könnte viel über diese Kurzgeschichte geschrieben werden. Über ihre kontrastiven Elemente, die subtilen Andeutungen der väterlichen Gewalt und vor allem über Jörg Löning, den Sohn des ehemaligen Bundeswehrmitglieds „Hard“. Allein es fehlt die Zeit für einen Text, der qualitativ an die Kurzgeschichte (Novelle?) anschließen kann. Deshalb will ich es bei diesem kurzen Zitat lassen, denn es war die einzige Stelle im Buch, die den Leser unbeschwert lachen lässt. Über die Prognose. Über Schatz. Vor allem aber über diese Wurst. Eine Wurst, genannt Rudi Völler. Herrlich.

(Bönt, Ralf/Ostermaier, Albert/Rinke, Moritz (Hg.) (2008): Titelkampf – Fußballgeschichten der deutschen Autorennationalmannschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 284 Seiten, 8,90 Euro)

Das weiße Blatt…

•August 5, 2009 • Hinterlasse einen Kommentar

…stand früher einmal für den Anfang von Poesie. Ein beängstigend schaudernder, fordernder und inspirierender Gegenüber zum Dichter. Heute zumeist wohl ersetzt durch einen blinkenden Cursor auf weißem Untergrund. Mindestens ebenso fordernd, angetrieben von einem elektronischen Puls, der aufruft zur Wanderung über den Bildschirm. Zur Ruhe werden dennoch weder Dichter noch Cursor kommen, wie schnell sie sich gegenseitig auch jagen.

Ob es sich ähnlich mit diesem Blog verhält, muss sich noch zeigen. Doch wie der Dichter vor dem Blatt Papier, stehe auch ich an dieser Stelle zunächst an einem Anfang. Allzu gerne würde ich schon die ersten kräfitgen Striche setzen, markige Überschriften und kluge Worte in den virtuellen Raum entlassen. Aber dazu fehlen noch ein ansprechender Rahmen und die nötige Zeit.

Sollte sich also bereits jemand hier hin verirrt haben, muss er sich noch einen Moment gedulden, bis der Sprachraumspieler das Feld betritt. Vielleicht tröstet es, dass er das nicht alleine tun wird. Mit dabei sein werden die wahren Künstler der Sprache mit ihren literarischen Dribblings ins Reich des Fußballs.

Vorerst soll es sich an dieser Stelle damit bewenden lassen. Bevor der Auftakt, der keiner ist, zu einem Zweikampf mit unsichtbarem Gegner wird und ich mich um mich selbst drehe, gegen mich selbst winde, ohne es zu merken und ohne dass es je ein Zuschauer sieht.

 
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